Die Körper-Energien

Die dritte Achse: Involution und Evolution

Neben den beiden Achsen: innen/außen und Einzahl/Mehrzahl können wir als dritte Achse Involution/Evolution einführen und das Quadranten-Modell um eine Dimension erweitern.

Involution und Evolution

Abbildung 1: Involution und Evolution

Erklärung zu Abbildung 1: Philosophen wie Plotinus, Charles Sanders Pierce, wie auch spirituelle Traditionen sehen die materielle Welt als einen Ausfluss des Geistigen, das sich in zunehmende Verhärtung und Kristallisation begibt. Diesen Prozess nennt man „Involution“: die Bewegung von dem einen Geist über Zwischenstufen zum Materiellen. Die Bezeichnung leitet sich von dem lateinischen Wort involvere „einwickeln“ ab. Die verschiedenen Stufen werden auch als „Körper“ oder „Energien" bezeichnet. Die Spirituelle Entwicklung wird so verstanden, dass man sich aus der ausschließlichen Identifikation mit dem Materiellen löst und seine ursprüngliche Einheit mit dem Geistigen erkennt. Diesen Prozess können wir mit dem Begriff „Evolution“ (von evolvere – „auswickeln“) bezeichnen.

In der heutigen Zeit ist es schwer, von Realitäten zu sprechen, die nicht physisch sind, hat sich doch in den letzten Jahrhunderten ein materialistisch-rationalistisches Weltbild so weitgehend durchgesetzt, dass es alle anderen Weltbilder und Philosophien weitgehend in den Hintergrund gedrängt hat. Seit René Descartes, William von Ockham, Galileo Galilei, Isaak Newton und anderen großen Geistern der Aufklärung gilt zunehmend allein dieses Weltbild als allgemein verbindliche Grundlage der Wissenschaft und wird jede andere Philosophie in das Reich der Phantasie und Esoterik verbannt. Trotzdem wird im täglichen Erleben von Ärzten und PatienInnen sowie in vielen nicht schulmedizinischen Therapie- und Heilmethoden von ganz anderen Grundlagen ausgegangen und liegen ganz andere Philosophien und Weltanschauungen zugrunde. Wesentliche Merkmale dieser Philosophien und Weltbilder lassen sich als Anerkennung der Realität von nicht physischen Körpern und nicht physischen Welten darstellen, die uns umgeben. Diese nicht physischen Ebenen der Existenz lassen sich wiederum als Ebenen von Involution und Evolution darstellen, die von einem ursprünglichen, einheitlichen SEIN bis zur materiellen Existenz reichen. Ich habe diese Achse der Involution und Evolution als eine dritte Achse den beiden Achsen von innen/außen und individuell/kollektiv hinzugefügt und so ein dreidimensionales Modell der Wirklichkeit entwickelt, das in der Lage ist, alle mir bekannten Philosophien und spirituellen Traditionen in ihren wesentlichen Grundaussagen abzubilden und zu verorten.

3D Modell der Wirklichkeit

Abbildung 2: Schematisches 3D-Modell der Wirklichkeit

Erklärung zu Abbildung 2: Jede dieser Körper-Energien kann, genau so wie die materielle Ebene, mit ihren vier Quadranten bzw. 8 Zonen dargestellt werden, also nicht nur mit ihren individuellen „feinstofflichen“ Körpern, den rechten oberen Quadranten, sondern auch als eine „feinstoffliche“ Umwelt, den rechten unteren Quadranten mit ihren jeweiligen inneren Erlebnisformen, den linksseitigen Quadranten in der Darstellung. Diese Ebenen werden weiter unten in Einzelnen dargestellt.

Wir sind gewohnt, nur unseren Wachzustand und die materielle Welt als real wahrzunehmen und alles andere als unreal oder zumindest nicht im gleichen Maß real und existierend zu betrachten. Dies gilt sowohl für außergewöhnliche Bewusstseinszustände, wie wir sie in der Meditation, bei sogenannten "Gipfelerlebnissen" (Maslow) oder im Zusammenhang mit Methoden wie Holotropes Atmen, schamanische Reisen oder Tranceerfahrungen erleben können, als auch für Bereiche, die sich im Geistigen befinden, wie reine mathematische oder sittliche (platonische) Ideen und andere Bereiche, auf die wir hier noch eingehen werden. Die Realität dieser Bereiche war, wie auch die Realität der materiellen Welt, immer schon strittig, über die Jahrhunderte betrachtet hatten einmal materialistische und einmal idealistische Philosophien die Oberhand. Wir befinden uns derzeit in einer materialistischen Phase, wie man unschwer aus den Zeichen der Zeit ableiten kann.

Das hier vorgestellte Modell umfasst beide Anschauungen und bevorzugt keine von ihnen. Es lässt die Möglichkeit der Realität nichtmaterieller Wirklichkeiten offen und enthält sich einer abschließenden Beurteilung, die nach meiner Ansicht nicht nur aufgrund rationaler Überlegungen, nach dem Muster: das kann ich nicht messen, also kann es das nicht geben, sondern vor allem auf der Ebene der Erfahrung erfolgen kann. In diesem Sinn vertrete ich eine Empirie, die sich aber auch auf nichtmaterielle Bereiche erstreckt und ungefähr das meint, was Rudolf Steiner mit "Geisteswissenschaft" gemeint hat und Ken Wilber mit "Postmetaphysik" meint. Als Schlüssel zur Erkenntnis können nur Evidenzerlebnisse gelten, die auf Erfahrungen beruhen, seien sie auf der physischen Ebene, wie bei einem physikalischen Experiment, geistig wie bei einem mathematischen Beweis oder in einer direkten Erfahrung der Einsicht in einer spirituellen Wahrheit.

Der grobstoffliche Körper-Geist

Wir erfahren im Wachzustand keinen der materiellen oder subtilen Körper getrennt, da sie miteinander in der Regel fest verbunden sind, es sei denn in Momenten der Dissoziation, außerkörperlichen Wahrnehmung, Trance, etc. Wir erfahren also im Normalzustand eine Verbindung und Überlagerung dieser Körper und damit auch der mit ihnen verbundenen Objektwelten. Um diese Körper direkt zu erfahren, bedarf es der langjährigen Schulung durch Meditation oder besonderer Bewusstseinszustände, wie sie z. B. im holotropen Atmen erfahren werden.

Im Folgenden werden die verschiedenen Bereiche als eigene grobstoffliche und feinstoffliche Ebenen dargestellt.

Auf der materiellen Ebene sehen wir also eine Entwicklung zu zunehmender Komplexität der Formen in den rechten Quadranten, die mit einer zunehmenden Vertiefung des Bewusstseins in den linken Quadranten einhergeht.

Diese zunemende Komplexität auf der materiellen Ebene führt dazu, dass sich in zunehmendem Maß feinstofflichere Körper durch die materielle Welt ausdrücken und in der materiellen Welt manifestieren können.

Der grobstoffliche Körper-Geist

Abbildung 3: Der grobstoffliche Körper-Geist

Erklärung zu Abbildung 3: In der obigen Abbildung werden in den linksseitigen Quadranten die Entwicklungsstufen der inneren Entwicklung sowohl individuell (LO) als auch kollektiv (LU) dargestellt. In den rechtsseitigen Quadranten werden die entsprechenden objektiven Strukturen in der zunehmenden Komplexität der körperlichen Organisation (RO) und der sozialen Organisation (RU) gezeigt. Die unterschiedlichen Farben in der Grafik beizeichnen die Beziehungen der grobstofflichen Entwicklungsstufen zu feinstofflichen Körpern: braun: grobstofflich, rot: ätherisch, violett (steht für weiss): astral, schwarz: kausal, blau: suprakausal. Wie oben bereits erwähnt, sehen wir hier eine Darstellung der Entwicklung, wie wir sie sehen, wenn wir von einer durchgängigen Verbindung zwischen den grobstofflichen und feinstofflichen Körpern und somit einer Erfahrung der feinstofflichen Körper durch den grobstofflichen Körper ausgehen. Wenn wir die Fähigkeit zur direkten Erfahrung eines bestimmten Körpers bzw. einer bestimmten Ebene der Entwicklung zugrunde legen, erhalten wir in aufsteigender Reihenfolge: Naturwissenschaftler (materielle Ebene), Naturmystiker oder "Schamane" (ätherische Ebene), Gottheitsmystiker oder "Heiliger" (astrale Ebene), formloser Mystiker oder "Weiser" (kausale Ebene), nondualer Mystiker oder "Siddha". Die hier gewählten Bezeichnungen wurden von Ken Wilber aus verschiedenen Traditionen übernommen. Es scheint mir wichtig zu bemerken, dass man Charakteristika dieser Entwicklungsstufen auch bei vielen Heilern, Kreativen, Künstlern und Wissenschaftlern und anderen weit entwickelnten oder begabten Menschen finden kann, ohne dass diese Stadien immer mit einer religiösen oder spirituellen Konnotation im engeren Sinne verbunden sein müssen, wie diese Bezeichnungen vielleicht vermuten lassen würden.

Ich werde in der Folge einen kurzen Überblick über Erlebnisformen, Methoden und Charakteristika jeder Ebene geben, wobei sich die von mir gewählten Beispiele auf medizinische, therapeutische und spirituelle Kontexte beziehen, in denen ich Erfahrungen gesammelt habe.

Die Ebene des materiellen Körper-Geistes im medizinisch-therapeutischen Kontext

Materieller Körper-Geist im medizinisch-therapeutischen Kontext

Abbildung 4: Materieller Körper-Geist im medizinisch-therapeutischen Kontext

Erklärung zu Abbildung 4: In der Begegnung zwischen Arzt und Patient, zwischen KlientIn und TherapeutIn, die eingebettet in ein soziales und kulturelles Umfeld stattfindet, können wir folgende Bereiche unterscheiden:

Sie sehen, dass wir mindestens diese 8 Zonen brauchen, um die wesentlichesten Zugänge in der Medizin und Therapie in einem integralen Gesamtsystem verorten zu können. Wir sehen auch, welche Bereiche in unserer Zeit besonders gut ausgebildet sind und erforscht werden, und welche Bereiche weniger gut belichtet sind und für die allgemeine Aufmerksamkeit im Schatten liegen.

Wie oben schon betont, muss sich natürlich jeder Vorgang im Materiellen und im Wachbewusstsein manifestieren, sonst könnten wir ihn kaum wahrnehmen und davon berichten. Die Frage, die bleibt, ist trotz der abschlägigen Antwort, die die Aufklärung und die aus ihr hervorgegangene Naturwissenschaft darauf gegeben hat, ob es überhaupt andere Bereiche des Seins gibt. Aufgrund meiner Beschäftigung mit alternativen und komplementären Heil- und Therapiemethoden, sowie verschiedenen philosophischen und spirituellen Systemen und der damit verbunden Weltbilder war es für mich notwendig, für diese Weltbilder einen vereinigenden Rahmen zu finden, der neben der materiellen auch nichtmaterielle Ebenen enthält, die in der praktischen Arbeit mit diesen Methoden eine Rolle spielen. Die Ebene, die der materiellen am nächsten liegt, ist die Ebene der Lebenskraft, des Qui oder Prana - die ätherische Ebene.

Die Ebene des ätherischen Körper-Geistes im medizinisch-therapeutischen Kontext

Ätherischer Körper-Geist im medizinisch-therapeutischen Kontext

Abbildung 5: Ätherischer Körper-Geist im medizinisch-therapeutischen Kontext

Erklärung zu Abbildung 5: Der Bereich der Selbstregulation ist an das Vorhandensein von Leben gebunden. Tote Materie ist einfach den physikalisch-chemischen Gesetzen unterworfen und strebt gemäß den Gesetzen der Thermodynamik nach einem Zustand möglichst großer Entropie (Unordnung). Lebendige Wesen können im Gegensatz dazu unter Aufnahme von Energie einen geordneten Zustand aufbauen und erhalten.

Auch im Bereich der Lebenskraft, des Qi oder Prana können wir die 8 Bereiche gut differenzieren und müssen das auch, wollen wir Heilmethoden wie die Homöopahtie, energetische Körperarbeit, Akupunktur, Formen von Gruppentherapie etc. in unserem System verorten. Wir haben gesehen, dass dieser Bereich sehr körpernah konzipiert ist und wenig abstrakte Qualitäten besitzt, trotzdem aber nicht mit der materiellen Ebene identisch ist.

Anders verhält es sich mit dem nächsten Bereich, dem Bereich der mehr oder weniger abstrakten Ideen oder "zeitlosen Gegenstände", wie sie Alfred North Whitehead nennt.

Die Ebene des astralen Körper-Geistes im medizinisch-therapeutischen Kontext

Ätherischer Körper-Geist im medizinisch-therapeutischen Kontext

Abbildung 6: Astraler Körper-Geist im medizinisch-therapeutischen Kontext

Erklärung zu Abbildung 6: Philosophen streiten sich seit Beginn der Überlieferung, ob der Bereich der Ideen einen eigenen Bereich der Existenz ausmacht, oder ob es sich nur um Abstraktionen handelt, die aus vielen konkreten Beobachtungen gewonnen wurden. Plato war wohl der bekannteste Vertreter der ersteren Anschauung, der sogenannten Realisten, Willam von Ockham ein bedeutender Vertreter der letzeren, der sogenannten Nominalisten. Selbstverständlich spielen auch die Ideen, die sich jemand über seine Krankheit, sich selbst und die Welt macht, eine wichtige Wolle dabei, welchen Heilmethoden er oder sie sich anvertrauen wird und welche Aussichten auf Erfolg mit einer bestimmten Behandlung verbunden sind. Es erscheint mir deshalb wichtig und richtig, dieser Ebene in einem umfassenden übergreifendes System den eigenen Platz zu geben, den sie auch in den Traditionen einnimmt.

Viele Künstler erfahren und beschreiben ihren schöpferischen Prozess so, als ob ihnen die Ideen aus einem Bereich, in dem sie bereits vorhanden sind, zukommen, als ob sie diese nicht aus sich selbst hervorbringen, sondern nur als Geburtshelfer aus einem anderen Raum jenseits der materiellen Wirklichkeit beziehen würden und sie gemäß ihrer eigenen Fähigkeiten zu einem konkreten Ausdruck auf der materiellen Ebene bringen. Ein anderer Grund, der für die objektive, zeitlose Existenz von Ideen und gegen die bloße Abstraktion von Ideen aus vielen Erfahrungen spricht, ist die Mathematik. Ein Kreis als die Menge aller Punkte in einer Ebene, die den gleichen Abstand von einem Mittelpunkt haben, ist eine Idee, die in sich schlüssig und verständlich ist. Ich sehe nicht, wie diese Idee einmal anders gewesen oder je anders werden könnte, ganz gleich, wie viele konkrete Kreise je gezeichnet, wie viele kreisrunde Gegenstände je beobachtet wurden oder werden. Unabhängig von der konkreten Erfahrung konkreter Kreise ist die Idee eines Kreises eine geistige Erfahrung, die für sich zu existieren scheint. So ist es wohl mit jedem mathematischen Beweis, der nur für das Bewusstsein seine Schlüssigkeit entfaltet. Um so erstaunlicher ist es, dass sich offensichtlich die Natur mit Hilfe solcher, nur durch eine innere Erfahrung nachvollziehbare mathematische Formen beschreiben lässt. Johannes Kepler war nicht umsonst fasziniert von der Harmonie des Weltalls, die er durch seine nach ihm benannten Gesetze, nach denen sich die Sterne bewegen, bestätigt sah.

Ideen können also als "zeitlose Gegenstände" betrachtet werden, wie dies A.N. Whitehead tut, die unabhängig von uns existieren und sich doch in den Gesetzen der Natur wiederfinden lassen. Es wird klar, dass wir nicht diese Ideen sind. Die Frage erhebt sich, was wir dann sind, wenn wir nicht unser Körper, nicht unsere Lebenskraft und auch nicht unsere Ideen sind? Diese Frage hat sich Rene Descartes gestellt, als er in seinen Meditatones zu einem Punkt gelangt ist, hinter den er nicht weiter zurückgehen konnte, und den er mit "res cogitans" die "denkende Sache" bezeichnet. Für Descartes war diese "res cogitans" das Subjekt, das er in jeder Erfahrung, sei sie sinnlich, emotional oder gedanklich, im Wachen oder im Träumen, ja selbst in seinen Zweifeln anwesend fand. Diesem körperlos gedachten Subjekt stellte er eine Welt der vor ihm ausgebreiteten Objekte, die "res extensa", die "ausgebreitete Sache" entgegen. Diese Objektwelt war von ihm gänzlich materiell und mechanistisch konzipiert, während die res cogitans, das Subjekt, trotz der Bezeichnung "res" (lat. für Sache, Ding, Gegenstand), körperlos und immateriell konzipiert war.

Die Ebene des kausalen Körper-Geistes

Kausaler Körper-Geist

Abbildung 7: Kausaler Körper-Geist

Erklärung zu Abbildung 7: Das Wesen der kausalen Ebene ist die Intentionalität, die Bezogenheit eines Subjektes auf ein Objekt. Diese Intentionalität bleibt auch erhalten, wenn es keine Objekte im Wahrnehmungsbereich des Subjektes gibt, wie das in der Erfahrung der formlosen Mystik der Fall ist, wenn sich das Bewusstsein wie bei Descartes aus dem materiellen Körper, den Träumen (ätherischer Körper) und aus den Gedanken (Astralleib) zurückgezogen hat. Es bleibt die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich einem Objekt auf eine intentionale Weise zuzuwenden. Diese Form der Subjekt-Objekt-Beziehung ist kennzeichnend für perspektivisches, ich-haftes Denken und Empfinden, das von einem Standpunkt aus auf ein Objekt hin gerichtet ist. Es bezeichnet die Fähigkeit, willentlich und absichtlich die Aufmerksamkeit auf ein Objekt zu richten oder von ihm abzuziehen, die Blickrichtung zu verändern. Absicht und Wille kennzeichnen ein "Ich", das seinen eigenen Willen hat und seine eigenen Absichten verfolgt. Intentionalität, Perspektive, Intention, Absicht, Wille bilden die Begriffe, die diese Ebene kennzeichnen. Die subjektiven Erfahrungen dieser Ebene sind durch die Auseinandersetzung des eigenen Willens mit einem anderen oder einem größeren Willen gekennzeichnet, wie wir sie in der Karfreitagserfahrung vor uns haben: Nicht mein Wille, Dein Wille geschehe. Schließlich geht diese Erfahrung bis zu der Erfahrung des eigenen Todes. Des überlieferten körperlichen Todes am Kreuz von Jesus Christus und des Todes aller Anhaftungen des Ich an seine Objekte in der Meditation auf dem Kissen oder in anderen Kontexten. Die Frucht dieser Erfahrungen ist eine Akzeptanz des Todes und damit auch des Lebens und die Freiheit von Anhaftungen und Bindungen an Objekte, die zu Gelassenheit und Ruhe führt.

Wie gesagt bleibt die grundsätzliche Intentionalität im kausalen Bereich aufrecht, auch wenn keine Objekte vorhanden sind. Deshalb wird dieser Bereich in buddhistischen Traditionen auch als "Schwarzes Beinahe-Erlangen" bezeichnet.

Anders verhält es sich mit dem nächsten Bereich, in dem sich die intentionale Gerichtetheit eines wahrnehmenden Subjektes auf ein wahrgenommenes Objekt hin verwandelt zur Nondualität, der Einheit zwischen Subjekt, Objekt und dem Akt der Wahrnehmung.

Die Ebene des suprakausalen Körper-Geistes

Wird der Tod des eigenen, kleinen Ich, der eigenen, von der Körperlichkeit geprägten Perspektive, akzeptiert, dann kann sich das Bewusstsein auf eine neue und andere Weise erfahren, die nicht mehr mit einer bestimmten, bevorzugten Perspektive verbunden ist und auch nicht in einer intentionalen Beziehung eines Subjektes zu einem Objekt besteht. vielmehr kann diese Subjekt-Objekt-Beziehung selbst Inhalt des Bewusstseins werden. Subjekt-Objekte tauchen in einem Bewusstseinsraum auf und verlassen diesen Bewusstseinsraum wieder. Der Bewusstseinsraum ist nicht getrennt von diesen Subjekt-Objekten, sondern letztere gehen aus ersterem hervor, werden in ihm erschaffen. Nichts, was in diesem Bewusstseinsraum existiert (gr. ek-histemi: herausstehen), also einen Unterschied macht, ist von dem Bewusstsein, in dem es existiert und von allem anderen, das in diesem Bewusstsein existiert, getrennt. Wir können diesen Erfahrungsmodus und diese Ebene als suprakausale oder nonduale Ebene bezeichnen.

In verschiedenen Kulturen wurden nonduale Philosophien entwickelt. spätere Formen des Buddhismus, Vedanta, Kashmirischer Shivaismus, Taoismus sind die bekanntesten Vertreter dieser philosopischen Richtungen. Es gibt in allen Religionen nonduale Richtungen, die von deren mystischen Traditionen vertreten werden.

Zwischen diesen Traditionen gibt es eine babylonische Sprachverwirrung in der Bezeichnung des Subjektes, die neben anderen philosophischen Unterschieden dazu beigetragen hat, dass sie sich teilweise heftig bekämpft haben und teilweise noch bekämpfen.

Unterschiedliche Schwerpunkte und Betrachtungsweisen stellen keine Bedrohung sondern eine Bereicherung dar. Sie können integriert werden, wenn grundsätzliche Einigung über die Verwendung von begrifflichen Formulierungen besteht. Da aber Sprache immer auch Erleben formt und prägt und nicht nur umgekehrt, ist hier höchste Vorsicht und Sensibilität geboten, um nicht Ungleiches gleich machen zu wollen und Unterschiede nicht dort zu verwischen, wo sie aus unterschiedlichen Erfahrungen heraus entstanden sind.

Der springende Punkt scheint zu sein, dass dieser Bewusstseinsraum, in dem sowohl Subjekte (auch das eigene "Ich") als auch Objekte auftauchen, keine Eigenschaften hat, die ihn von einem anderen Bewusstseinsraum unterscheidbar machen würden. Dieser Bewusstseinraum scheint für jedes Individuum gleich zu sein, also nur in der Einzahl zu existieren. In idealistischen Philosophien und spirituellen Richtungen stellt dieses ursprüngliche Bewusstsein das ontologisch erste Prinzip dar, aus dem die gesamte Wirklichkeit hervorgeht, also sowohl deren subjekte wie auch deren objekte Seite, die aufeinander bezogen und abgestimmt sind. Wir und jedes andere fühlende Wesen (und es gibt letzlich nichts anderes als fühlende Wesen) sind im Innersten dieses ursrüngliche Bewusstsein, aus dem alles andere hervorgeht und hervorgegangen ist. Wir sind somit unserem innersten Wesen nach identisch mit allem anderen und identisch mit Gott.

Erst nach der Beschäftigung mit östlichen Religionen konnte ich in der eigenen christlichen Tradition diese nonduale Schicht erkennen und für mich freilegen. Mir wurde sie innerhalb meiner christlichen Sozialisation nirgends nahe gebracht, obwohl sie den Kern des Christentums darzustellen scheint, und sich alles andere, wie die Gebote der Gottesliebe, der Nächstenliebe, ja sogar der Feindesliebe, daraus unmittelbar zu ergeben scheint. Rückblickend wurde mir dann klar, dass dies wahrscheinlich für alle Religionen gilt: man erfasst von ihnen das, was der eigenen Entwicklung und dem eigenen Horizont entspricht. So, wie es in allen Traditionen fundamentalistische und kriegerische Richtungen und Zeiten gab und gibt, gab und gibt es auch mystische, nonduale Richtungen, zu denen man Zugang finden kann.

Die hier verwendente Begrifflichkeit verwendet das Wort "Selbst" für dieses ursprüngliche Bewusstsein, in dem sowohl Subjekte wie auch Objekte auftauchen. Ich sehe diesen Begriff synonym mit dem, was Ramana Maharshi als "Ich-Ich" bezeichnet und der Dzogchen-Buddhismus als "Rigpa". Andere buddhistische Richtungen nennen dieses Wesen unsere "Buddhanatur", das Christentum nennt sie den "Christus" in uns. Nur dieses "Selbst" ist wirklich frei.

Das intentionale Subjekt der kausalen Ebene ist ein freies "Ich", so lange es nicht an Objekte gebunden ist, denn es verfügt über eine freie Intentionalität, kann sich also selbst Ziele setzen, eigene Absichten verfolgen und sich beliebig Objekten zuzuwenden oder sich von ihnen abzuwenden.

Gewöhnlich sind wir uns aber dieser Freiheit nicht bewusst, sondern es taucht ein Objekt nach dem anderen in unserem Bewusstsein auf, das unsere Aufmerksamkeit für sich beansprucht. In diesem Zustand sind wir nicht freie Herren unserer Intentionalität, verlieren unsere tieferen Zeile und Absichten aus den Augen und sind Gefangene unseres geistigen Apparates, der Gedanken, Gefühle und Sinnesobjekte in untunterbrochener Reihenfolge hervorbringt und uns scheinbar nicht die Möglichkeit lässt, aus diesem Angebot willentlich auszuwählen oder es gar - z. b. in der Meditation - gänzlich zurückzuweisen. Wenn wir in dieser Form an Objekte gebunden sind, dann verfügen wir nicht über ein freies "Ich" sondern nur über ein gebundenes "Ego", das Opfer seiner Wünsche und Begierden ist.

Das "Selbst", also das ursprüngliche Bewusstsein, kann nicht objektiv wahrgenommen werden, da es die Grundlage von Subjekten und Objekten ist. In indischen Philosophien wird der Bewusstseinszustand, in dem von dieser (suprakausalen) Ebene aus wahrgenommen wird, als Turiya (von Sanskrit caturiya = "der vierte" Bewusstseinszustand neben Wachen, träumen und Schlafen) bezeichnet. Ich bin dieses Selbst, wenn ich diese Zeilen schreibe, Sie sind dieses Selbst, wenn sie diese Zeilen lesen. Dieses Selbst kann nicht von ihnen getrennt gesehen oder objektiv dargestellt werden.

Anders verhält es sich, wenn das Bewusstsein dieses Turiya-Zustandes auf alle anderen Bewusstseinszustände ausgedehnt wird, und somit auf alles, was in diesen Bewusstseinszuständen auftaucht: Willensimpulse, Gedanken, Bilder, Gefühle, sinnlich-materielle Wahrnehmungen, also alles, was wir bisher als Entwicklungsebenen oder Körper-Energien beschrieben haben. Wenn sich Turiya auf alle anderen ausdehnt, dann sprechen wir von Turiyatita (Sanskrit: jenseits von Turiya), also einem Zustand, in dem wir in einer nondualen Beziehung zu allen unseren Bewusstseinsinhalten, zu unserer Umgebung, zu Gott und zu uns selbst stehen.

Suprakausaler Körper-Geist

Abbildung 7: Suprakausaler Körper-Geist

Elemente eines integralen Weltbildes:

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