Traditionelle chinesische Medizin im Koordinatensystem des integralen Ansatzes

Das integrale Modell Ken Wilbers umfasst in der derzeitigen Fassung 5.x folgende wesentlichen Elemente:

Das traditionelle chinesische (Medizin-) System beinhaltet folgende wesentlichen Elemente:

Die Verse Lao Tses erzählen in sehr knappen Worten von der Entstehung der sichtbaren Welt: aus dem unaussprechlichen Dao entsteht erst die Einheit, dann die Dualität, symbolisiert durch Yin und Yang, die unter Vermittlung der universellen kosmischen Energie die zehntausend Dinge, das heißt, die ganze Welt hervorbringen. Während das Dao jenseits aller Vorstellung und Einschränkung liegt, können wir uns die Einheit durch den geschlossenen Kreis symbolisiert denken. Aus dieser Einheit entsteht durch innere Teilung die Dualität, Yin und Yang:

Yin und Yang

Abbildung 1: Yin und Yang

Yin und Yang stellen somit wesentlich umfassendere und grundlegendere Begriffe dar, wie die männlichen und weiblichen Modi Ken Wilbers. Letztere meinen mehr die konkreten Ausprägungen in Verhalten, Denkweise und Habitus einer Person, während mit Yin und Yang allgemeine Begriffe für alle denkbaren Polaritäten zur Verfügung stehen, zu denen natürlich auch das „Weibliche“ und das „Männliche“ gehören. Im östlichen Denken finden wir häufig diese Vorstellung einer grundlegenden männlich-weiblichen Polarität: Shiva und Shakti sind ein Beispiel dafür, oder die Gottheiten des tantrischen Buddhismus, die oft in sexueller Vereinigung ihrer männlichen und weiblichen Aspekte dargestellt werden. Die chinesische Philosophie stellt uns hier zwei nicht personifizierte, höchst allgemeine Begriffe zur Verfügung, die in dynamischem Wandel ineinander übergehen, was durch die geschwungene, dynamische Trennlinie zwischen ihnen dargestellt wird. Bemerkenswert ist an diesem Symbol weiters, dass der Mittelpunkt, das Zentrum des Einen im Anderen liegt: Das Gegenteil ist bereits im Ausgangszustand angelegt und ohne diesen nicht denkbar. Ein Pol kann ohne den anderen nicht existieren, sie sind in diesem Sinne „leer“, das heißt, nicht selbständig oder absolut existent, es sind relative Begriffe. Die Haut ist weiter außen, mehr Yang wie die Sehnen, die in Bezug auf die Haut weiter innen, das heißt mehr Yin sind. Die Sehnen sind aber in Bezug auf die Knochen weiter außen, das heißt mehr Yang wie diese, usw. usf.

Yin und Yang ist die grundlegende Polarität oder Dualität, die sich im gesamten Universum manifestiert, deshalb auch mit der Zahl 2 assoziiert.

Qi ist ein ebenso allgemeiner und umfassender Begriff, der die universelle Energie bezeichnet, die Brücke zwischen den abstrakten dualen Begriffen Yin und Yang und der konkreten physischen Manifestation der „zehntausend Dinge“, welche der Zahl Vier, der Erde zuzuordnen wären.

Der gesamte Ablauf dieser Beschreibung entspricht in den groben Umrissen einer „großen Kette des Seins“ der Involution, wie sie in vielen Traditionen beschrieben wird, und zeigt Verwandtschaft zur Kabbala und verschiedenen indischen Systemen, die ähnliche Gedanken in andere Begrifflichkeiten kleiden: Im Vedanta wird vom „Selbst“ gesprochen, das Verwandtschaft mit dem Begriff chinesischen Begriff „Dao“ und den buddhistischen Begriffen „Buddhanatur“, „ursprüngliches Gesicht“ oder „Leere“ hat. Es wird gesagt, das Selbst sei „neti-neti“, nicht dies, nicht das. Inhaltlich ist das ähnlich zu verstehen wie Lao Tse, wenn er sagt: „Dao, kann es ausgesprochen werden, ist nicht das ewige Dao“. Shiva, ebenfalls ein Name für dieses höchste Selbst manifestiert sich durch die Vereinigung mit seiner Gemahlin Shakti in den Geschöpfen dieser Welt. (Transzendentale Leere-Einheit manifestiert sich durch die Vereinigung=Dualität mit der universellen kosmisch-schöpferischen Energie=Shakti als das gesamte manifeste Universum).

Yin und Yang; Shiva und Shakti

Abbildung 2: Yin und Yang; Shiva und Shakti

Die Kette: Dao – Yin/Yang – Qi – die zehntausend Dinge können also als der involutorische oder absteigende Schenkel der großen Kette des Seins aufgefasst werden, wobei das „Qi“, die universelle Energie hier einen sehr breiten Bereich abdeckt: Während in anderen Traditionen der Bereich zwischen dem Absoluten und dem Materiellen häufig in mehrere Unterbereiche eingeteilt wird, gibt es im chinesischen System nur zwei Zwischenstufen: Yin/Yang und Qi, wobei Yin/Yang die grundlegende Dualität bezeichnet, die allem Erscheinenden zugrunde liegt. Qi ist die Energie, die die materielle Gestalt mit Funktion und Leben erfüllt, aber auch diese materielle Gestalt selbst hervorbringt. Qi ist die Energie, die wir auch als Lebensenergie oder feinstoffliche Energie direkt spüren und wahrnehmen können. In der Gesundheit ist das Qi, die Lebensenergie in harmonischem Fluss, während es in der Krankheit gestaut, zu stark oder zu schwach sein kann.

Qi hat somit viele der Eigenschaften, die Ken Wilber den subtilen Körper-Energien zuweist, ohne dass das Qi im chinesischen System eine weitere vertikale Differenzierung erfahren würde. Im System Rudolf Steiners werden die subtilen Körper-Energien in Ätherleib, Astralleib, Ich, Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch hierarchisch eingeteilt. Diese subtilen Körperenergien lassen sich zu den innerlichen Entwicklungsebenen Wilbers direkt in Beziehung setzen. (vgl. Ken Wilber, 2000: Integrale Psychologie, Tafel 4b) Eine ähnliche Differenzierung gibt es wie gesagt in der chinesischen Medizin nicht. Wohl aber gibt es hier eine ausgefeilte horizontale Differenzierung des Qi in die sogenannten Wandlungsphasen oder Funktionskreise. Dieses System ist dem chinesisch-tibetischen Raum zu eigen und beinhaltet 5 oder 6 Wandlungsphasen, wobei derzeit meist 5 beschrieben werden.

Die Wandlungsphasen beschreiben bestimmte Ausformungen und Konkretisierungen des Qi, die sich sowohl körperlich in den Organsystemen, wie auch seelisch-mental in den Gefühlen und Temperamenten und äußerlich in den Jahreszeiten und klimatischen Bedingungen manifestieren. So entsteht ein Zuordnungssystem, das diese äußeren und inneren Faktoren mit Organsystemen in Beziehung setzt und sie zu „Syndromen“ zusammenfasst. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über diese Entsprechungen:

Wandlungsphasen in der traditionellen Chinesischen Medizin

Abbildung 3: Wandlungsphasen in der traditionellen Chinesischen Medizin

Wir können dieser Tabelle entnehmen, dass hier Elemente zu einer Wandlungsphase zusammengefasst werden, die aus verschiedenen Quadranten oder Perspektiven nach Ken Wilber stammen: Die Emotion stellt die Perspektive des linken oberen Quadranten dar, die „Ich“- Perspektive des subjektiven Erlebens. Die Organzuordnung bezieht sich auf den rechten oberen Quadranten des objektiv wahrnehmbaren individuellen (Energie-) Körpers, wobei es hier weniger um das physische Organsystem geht wie um die Funktion, die Energie oder das Qi dieses Organsystems. Und die äußeren Faktoren stellen die Perspektive der objektiven äußeren Bedingungen des rechten unteren Quadranten dar. Der linke untere Quadrant, der hier scheinbar ausgespart wird, findet sich in den Beziehungen zwischen den Wandlungsphasen wieder, die als „Zyklen“ beschrieben werden, weil diese auf einem geschlossenen Kreis dargestellt werden: es gibt einen Hervorbringungszyklus, einen Kontrollzyklus und einen hemmenden Zyklus, die bestimmte innere Beziehungen zwischen den einzelnen Wandlungsphasen beschreiben.

Damit deckt das chinesische System auf seine eigene Art alle vier Quadranten Ken Wilbers ab. Natürlich tut es das nicht auf eine Weise, wie wir es aus dem 21. Jahrhundert kennen, sondern auf eine Art, die dem ersten vorchristlichen Jahrtausend entspricht, für diese Entstehungszeit jedoch eine erstaunliche Differenziertheit und zeitlos gültige Praktikabilität erkennen lässt. Was für unsere Zeit so faszinierend ist, ist gerade die Tatsache, dass in der chinesischen Tradition Verbindungen zwischen Bereichen zu sehen sind, die in unserer Zeit und Kultur als vollkommen getrennt wahrgenommen werden: innerliche Empfindungswelt, Körper und äußere Umweltbedingungen bilden in diesem System erstaunlich sinnvoll miteinander verbundene Ganzheiten. Tinnitus (Ohrgeräusche), Nierenerkrankungen und Empfindlichkeit auf Kälte und kaltes Wetter sowie ängstliche Gemütsverfassung gehören alle zum Funktionskreis Niere. Zornige Reizbarkeit oder im Gegenteil gehemmte Aggression, Leberstörungen, Augenerkrankungen und Windempfindlichkeit gehören zum Funktionskreis Leber. Solche „Syndrome“ können tatsächlich häufig in diesen Kombinationen in der Praxis angetroffen werden, wenn wir gelernt haben, diese Zusammenhänge zu sehen. Hier hat die TCM ein ausdifferenziertes und praktikables diagnostisches und therapeutisches System entwickelt, das sich über Jahrtausende bewährt hat. Auch in unserem Sprachgebrauch finden sich noch Reste dieses alten Wissens über die Verbindungen zwischen Organen und Emotionen: „Ihm ist eine Laus über die Leber gelaufen“ sagen wir, wenn jemand zornig verstimmt ist. „Das liegt ihm im Magen“ sagen wir, wenn jemand seine Sorgen nicht loswerden kann. Das „Herz liegt ihm auf der Zunge“ sagen wir über einen Menschen, der seine Freude „offenherzig“ zeigt. Wir machen vor Angst in die Hose, und diese Verbindung zwischen den Schließmuskeln, der Niere und der Emotion Angst ist sowohl uns wie auch den Chinesen seit jeher bekannt.

Wenn wir dieses System mit unserer Sichtweise vergleichen, sehen wir die Verbindungen zwischen den Bereichen, die in unserer Welt als getrennt erscheinen. Ob dies ein charakteristischer Unterschied zwischen dem chinesischen und dem westlichen Denken ist, oder ob diese Trennung erst durch die Trennung der drei großen Sphären Kunst, Religion und Wissenschaft entstanden ist, müsste noch genauer untersucht werden. Jedenfalls fügt hier die chinesische Medizin der integralen Medizin ein Werkzeug hinzu, das im westlichen Denken so nicht existiert und es wesentlich bereichert. Umgekehrt hat der westliche Zugang, die innere Erlebniswelt, die körperlichen Gegebenheiten und die Faktoren der äußeren Umwelt durch die getrennten Disziplinen der Psychologie, der naturwissenschaftlichen Medizin und der Umweltmedizin zu erforschen, Erkenntnisse ermöglicht, die in keiner anderen Kultur je erreicht wurden.

Die Beziehungen zwischen den Funktionskreisen werden wie gesagt in der chinesischen Medizin in bestimmten fördernden und hemmenden bzw. kontrollierenden Relationen beschrieben. Dies entspricht meiner Ansicht nach den beiden unteren Quadrenten, je nachdem, ob mehr die inneren oder die äußeren Bereiche angesprochen sind, die ja in der TCM nicht getrennt betrachtet werden.

Beziehngen der Wandlungsphasen in der traditionellen Chinesischen Medizin

Abbildung 4: Beziehungen der Wandlungsphasen in der traditionellen Chinesischen Medizin:
Fördernde Beziehung; kontrollierende Beziehung; entgegenwirkende, „fressende“ Beziehung.

Die Erkenntnisse aus den oben kurz umrissenen Betrachtungsweisen führen direkt zu therapeutischen Handlungsanweisungen: Bei Störungen in einem bestimmten Funktionskreis werden der entsprechenden Meridiane behandelt. Als Meridian wird die Verbindung von therapeutisch wirksamen Punkten auf dem Körper bezeichnet, die eine ähnliche Indikation haben und an embryologisch bedeutsamen Entwicklungsgrenzen liegen. (Auerswald; König 1982 und König-Wancura 1979) Einzelne Meridiane sind auch bei uns in anderem Zusammenhang bekannt: Die Ausstrahlung des Schmerzes bei Herzinfarkt erfolgt charakteristischer weise entlang der Kleinfingerseite des Armes, was auch dem Verlauf des Herzmeridians entspricht. Der Blasenmeridian verläuft an der Rückenseite des Körpers dort, wo sich bei Tieren die Nackenhaare sträuben, wenn sie Angst haben. Die Emotion Angst wird dem Funktionskreis Niere-Blase zugeordnet, wie wir gehört haben. Die chinesische Medizin hat die Vorstellung, dass die Energie, das Qi im gesunden Zustand in diesen Meridianen ungestört fließt. Bei Störungen kommt es zu einem Ungleichgewicht, zu einem Stau oder zu einem zu starken Fluss der Energie, die dann ausgeglichen, verstärkt (Bu Fa) oder abgeleitet (Xie Fa) werden muss. Dazu stehen Nadelung mittels Akupunkturnadeln, Moxibustion oder Erwärmung mittels Räucherwerk, Schröpfen mit Schröpfköpfen sowie Mikroaderlässe zur Ableitung einiger Tropfen Blut und damit von Energie zur Verfügung. Weiters kann das Qi mit Tai Chi oder Qi Gong gelenkt, verstärkt und ausgeglichen werden. Einen großen Teil der chinesischen Medizin macht die chinesische Kräutermedizin aus, die nach Erfahrungswissen und ähnlichen Überlegungen verordnet wird, wie ich sie oben dargestellt habe. Auch für die Ernährung gibt es ein ausgefeiltes System, das vollständig in die TCM integriert ist.

So weit ist die chinesische Medizin ein System, das mit sinnlicher Wahrnehmung des Patienten und rationalen Überlegungen auskommt und hauptsächlich bestrebt ist, das energetische Gleichgewicht eines Menschen wieder herzustellen und damit die Funktion der Organe wieder zu normalisieren. Die chinesische Medizin setzt sich weniger mit der Morphologie und den materiellen Gegebenheiten auseinander, wie das die westliche Medizin schwerpunktmäßig tut. Letztere sucht die krankhaften Veränderungen hauptsächlich im rechten oberen Quadranten, und verwendet dazu das gesamte Spektrum der naturwissenschaftlichen Möglichkeiten vom Magnetresonanztomographen bis zur Gentechnik. Die funktionelle, energetische Ebene steht nicht im Zentrum der Betrachtung eines schulmedizinisch ausgebildeten westlichen Arztes, im Gegenteil versucht ein westlicher Arzt von solchen störenden Einflüssen abzusehen und nur das objektiv Messbare gelten zu lassen.

Der Psychotherapeut wiederum richtet sein Augenmerk allein auf die inneren Gegebenheiten seines Klienten und hat kaum ein Wissen von den damit verbundenen äußerlichen Bedingungen. Die Trennung zwischen innen und außen, zwischen Körper und Seele, zwischen Seele und Umwelt, zwischen Individuum und Gemeinschaft sind im westlichen Denken sehr weit vorangetrieben worden, bis zu der von Ken Wilber beschriebenen Dissoziation, die bereits krankhafte Züge angenommen hat. Da diese Trennung und Dissoziation im traditionellen chinesischen Denken (wie in allen prämodernen Systemen) noch nicht stattgefunden hat, kann es bis zu einem gewissen Grad zur Heilung des westlichen Denkens beitragen. Den entscheidenden Schritt muss aber das westliche Denken selbst vollführen. Es muss aus sich heraus die Zusammenhänge und gegenseitige Beeinflussung aller wesentlichen vier Bereiche, Quadranten und Perspektiven erkennen und sich dadurch selbst heilen.

Doch auch das chinesische System ist zumindest in der Form, wie es derzeit gelehrt wird, alles andere wie heil: Der mit dem Kommunismus zur Staatsreligion erhobene Materialismus hat zuerst zu einem Verbot des alten Denkens, dann zu einer Wiedereinführung unter Weglassung aller spirituellen Bezüge und der Betonung der rein praktischen Gesichtspunkte geführt. Während in den alten Texten noch die Bezüge zum Spirituellen sichtbar waren, sind diese im modernen China nicht mehr bekannt. Ob das traditionelle Wissen, das auch die tieferen Bezüge noch kennt, noch existiert oder bereits ausgestorben ist, kann ich nicht sagen. Von Lehrern der TCM, die in Festland-China studiert haben, wird allerdings berichtet, dass die dortigen Professoren kein Wissen über diese spirituellen Zusammenhänge haben und vermitteln. In Taiwan und/oder in einigen abgelegenen chinesischen Gebieten mag es noch Inseln alten Wissens geben, in denen auch die spirituelle Tradition weitergegeben wurde. Jedenfalls sind diese Bereiche nicht mehr Teil der offiziellen Lehre. Andererseits gibt es noch chinesische Qi Gong Meister, die das Heilen mittels Lenkung und Übertragung des Qi ausüben und lehren können, was zumindest Erfahrung und Wissen um die psychische Ebene des Bewusstseins und langjährige eigene Praxis voraussetzt. Der Zen-Buddhismus, der sich in China entwickelt hat, umfasst ohnehin alle Bewusstseinsebenen, kann jedoch nicht direkt dem traditionellen chinesischen Medizinsystem zugerechnet werden.

Im Gegensatz zu den eher spärlichen Belegen für spirituelles Wissen und Praxis in der derzeitigen chinesischen Medizin finden sich in alten Texten viele Belege dafür, dass Spiritualität einmal integraler Bestandteil des chinesischen Systems war. Schon viele Bezeichnungen für Akupunkturpunkte weisen darauf hin wie z. B. Shen Men, was so viel bedeutet wie „Geist-Tor“.

Ich möchte im Folgenden aus einem Vortrag von Klaus-Dieter Platsch zitieren, der diesen Bereich sehr schön beleuchtet hat:

In der Therapie ist das Bewusstsein und die innere Haltung von entscheidender Bedeutung.

Im Buch des Gelben Kaisers heißt es:

„Bei jedem Nadeln ist es am Wichtigsten Im Bewusstsein shen verwurzelt zu sein.“

Was wirklich in einer Therapie geschieht, ist jenseits der Methode. Entscheidend ist, aus welchem Raum und in welcher Haltung wir die Therapie machen.

Es geht um die Frage, in wessen Bewusstsein wir verwurzelt sind. Zum einen geht es um die Verwurzelung im eigenen Bewusstsein, ganz bei der Sache sein, präsent sein. Nicht an etwas anderes denken, das uns gerade beschäftigt. Shen bedeutet Präsenz, Bewusstsein.

Zum anderen bedeutet es auch, im Bewusstsein der PatientInnen zu wurzeln, auch ihren Bewusstseinszustand wahrzunehmen.

Eine Qualität des Bewusstseins ist Liebe. Das bedingungslose Ja-sagen zur Situation, zum Patienten, zu sich selbst. Unpersönliche Liebe, wo es einfach nur liebt. Es ist egal, ob der Patient diese oder jene Besonderheiten oder Eigenschaften hat. Unsere innere Haltung und unsere Einstellung greifen in den Krankheits- und Heilungsprozess ein.

Heilung heißt aufgehen, offen werden, Platz machen für den ureigenen Strom des Lebens. Wenn sich der Patient abgelehnt fühlt, macht er automatisch zu.

Wenn PatientInnen mit schweren oder gemäß der Schulmedizin unheilbaren Krankheiten zu uns kommen, sollten wir den Glauben an statistische Wahrscheinlichkeiten und Prognosen nicht ohne weiteres übernehmen, denn das könnte den Weg zur Heilung verschließen. Aber wir sollten auch keinen falschen Optimismus vorgaukeln. Wesentlich ist, uns bewusst zu werden, dass alles, was sich manifestiert, aus diesem unbegrenzten frei schwingenden Feld an Möglichkeiten kommt und unser Bewusstsein und unsere Gedankenkraft zu einem erheblichen Teil mitbestimmt, was sich manifestiert.
Es geht darum, die Option offen zu halten, dass Heilung geschehen kann.

Paracelsus sagt: „Der Arzneien Höchste aber ist die Liebe.“

Persönliche Liebe bedeutet Verwicklung.
In einer heilenden Beziehung muss die Liebe unpersönlich sein.

Im Chinesischen ist, wie in den meisten anderen Kulturen, das Herz der Ort des Bewusstseins.

Himmel

Geist
Qi breitets sich aus      Herz      in Raum und Zeit   
Shen

Erde

Das Herz verbindet den Menschen mit dem universellen Bewusstsein des Himmels.

Zugleich ist der Wohnsitz des spirituellen und des universellen Bewusstseins, des Geistes shen, im Menschen.

Im Xinguing guizhi, Kap. 15, heißt es über die innere und die äußere Arznei:

„Die innere Arznei ist ohne Handeln,
und es gibt nichts, womit sie handeln könnte.
Die äußere Arznei hat ein Handeln
Und es gibt etwas, womit sie handelt.“

Es ist einfach ein Raum des Seins, nicht des Handelns.

„Die innere Arznei
Ist ohne Form und Stofflichkeit
Und so ist sie wirklich Seiendes
Die äußere Arznei
Hat eine Substanz und eine Funktion
Und so ist sie wirkliches Nichts.

Die äußere Arznei
Kann Krankheiten heilen
Und auf lange Sicht das Leben verlängern.
Die innere Arznei
Kann die Transzendierung bewirken
Und zudem,
Dass man das Seiende überschreitet und ins Nichts eintritt.“

Ärzte waren in den alten Hochkulturen immer auch Priester. Eine spirituelle Dimension im Arztsein ist, die Menschen in allen Aspekten auch annehmen zu können, alle Probleme aufnehmen zu können.

PatientInnen kommen oft auch mit spirituellen Fragen und Sinnfragen, auf die wir uns dann beziehen müssen.

Immer wieder geht es auch darum, die Identifikation mit der Krankheit zu lösen. Bin ich der, der krank ist, bin ich identifiziert mit dem Kranksein, mit dem Leiden?

Transzendieren heißt, über das Leiden, über die Krankheit hinausgehen.

Bin ich das Leiden?
Bin ich die Krankheit?
Wer bin ich jenseits davon?

„Die äußere Arznei
Ist das Kommen und Gehen
Des äußeren Yin und Yang
Die Innere Arznei ist Speichen und Nabe
Im Inneren von Kan und Li.“

Kan und Li sind Trigramme im I Ging. Kan ist das Zeichen für Wasser und stellt den beseelten Menschen dar, spirituelles Bewusstsein. Li ist das Zeichen für Feuer. Es ist der Mensch, der aus dem universellen Bewusstsein geboren wird. Die Nabe ist leerer Raum.

„Wie kann jemand das Dao kennen?
Durch das Herz.
Wie kann das Herz es erkennen?
Durch die Leere, die reine Aufmerksamkeit,
die das Wesen und die Stille eint.“
Xunzi 21

„Wahre Leere ist auch wahre Liebe.“
Tich Nhat Hanh

Der Fokus der Behandlung richtet sich auf den gesunden Wesenskern. Den Menschen in die Autonomie führen, selber in die heilende Kraft seines Selbst zu kommen.

Diesen Ausführungen kann ich mich nur anschließen.

Was uns Klaus Dieter Platsch hier vor Augen führt, ist die Tiefe der chinesischen Medizin und Tradition, die sich in den alten Texten widerspiegelt. Aus meiner Sicht umfasst diese Tiefe das gesamte menschliche Potential, was bei Wilber „allen Ebenen“ entspricht. Ob es in unserer Zeit eine Praxis und gelebte Tradition gibt, die es einem Schüler erlauben würde, dieses Potential innerhalb der derzeitigen chinesischen Lehre zu aktualisieren, bezweifle ich aufgrund der Informationen, die mir zur Verfügung stehen. Auch Klaus Dieter Platsch, von dem das obige Zitat stammt, folgt einem nicht-chinesischen spirituellen Weg, ist Schüler in einer Tradition, die auf eine indische Linie zurückgeht, und deren Exponentin Irina Tweedie war. In unserer Zeit scheint es notwendig zu sein, sich das Wissen und die Praxis aus verschiedenen Schulen anzueignen, um das gesamte integrale Potential zu aktualisieren, es scheint in keiner der verfügbaren Traditionen allein der gesamte Umfang und/oder die gesamte Tiefe anzutreffen zu sein. Möglicherweise ist es die Aufgabe unserer Zeit, das Beste aus den verschiedenen Traditionen zusammenzuführen und in ein integrales System zu integrieren, das wir dann vielleicht der nächsten Generation weitergeben können. Derzeit (2005) scheint es wohl eine wachsende Zahl von integralen Medizinern, nicht jedoch eine integrale Medizin zu geben, denn der Prozess der Integration muss erst geleistet werden. Die vorliegende Arbeit ist vielleicht ein kleiner Beitrag dazu.

Zusammenfassung und Schlussbemerkungen:

Das System der Traditionellen chinesischen Medizin stellt zusammen mit dem Taoismus ein ausgefeiltes medizinisches System dar, in dessen Mittelpunkt die Begriffe Tao, Yin-Yang und Qi stehen. Während Tao das Unaussprechliche, Transzendente meint, stellt das Begriffspaar Yin und Yang die dynamische, stets im Wechsel begriffene Dualität allen manifesten Seins dar. Qi als die universelle Energie überbrückt die gesamte Spanne vom nicht manifesten Tao bis zur konkreten Manifestation und ist somit ein Begriff für alle Ausformungen und Erscheinungen von „Form“, „Energie“, „Lebenskraft“, „Funktion“, etc. und erscheint in einem ständigen dynamischen Wechsel zwischen Yin und Yang, männlich und weiblich, warm und kalt, außen und innen, usw, usf. Eine weitere Stufe der Konkretisierung des universellen Qi sind die fünf (oder sechs) Wandlungsphasen oder Funktionskreise. Qi manifestiert sich als innere Empfindung (LO), dem ein körperliches Organsystem (RO), ein energetisches Meridiansystem (RO), sowie äußere Klimafaktoren (RU) entsprechen. Somit fassen Funktionskreise Elemente aus drei Qaudranten zusammen, die im westlichen Denken voneinander getrennt sind. Diese Ungetrenntheit ordne ich vor allem der Entstehung des chinesischen Systems in der Prämoderne zu, da es hier noch nicht zu einer Differenzierung der drei großen Wertsphären gekommen ist. (vgl.: Ken Wilber: Wissenschaft und Religion) Die Regelhaftigkeit der Beziehungsmuster zwischen den Wandlungsphasen wird im chinesischen System in den sogenannten „Zyklen“ beschrieben, was einer Ausarbeitung der beiden unteren Qaudranten entspricht. Zumindest in der alten Literatur ist das chinesische System vollständig in Bezug auf die menschlichen Entwicklungsebenen. Ob es eine aktuelle Praxis und Lehre für die höchsten Ebenen gibt, ist derzeit zu bezweifeln. Gesichert ist das Wissen um den Umgang mit Qi im Rahmen des Qi Gong und der Kampfkünste, was mindestens der psychischen Ebene entsprechen dürfte.

Ein Selbstsystem wird im Chinesischen System nicht explizit beschrieben, im chinesischen Zen - Buddhismus wird das Vorhandensein eines Selbst sogar explizit in Abrede gestellt und auf die Veränderlichkeit und Inkonstanz all dessen, was im Bewusstsein erscheint, verwiesen. Darüber hinaus gibt es nichts Konstantes, Bleibendes.

Das soziale Zusammenleben (untere Quadranten bei Wilber) der Menschen wurde in China über viele Jahrhunderte durch den Konfuzianismus reglementiert, ein ausgeprägter Individualismus, wie er dem Westen eigen ist, hat sich aus der chinesischen Tradition nicht entwickelt. Erst in den letzten Jahrzehnten macht sich im Zuge der wirtschaftlichen Öffnung und des Importes der westlichen Wirtschaft (RU) auch dieser Zug der westlichen Mentalität (LO) stärker bemerkbar.

Aus meiner Sicht beinhaltet das chinesische System in seiner Gesamtheit einige bemerkenswerte Elemente des integralen Systems, ist aber weit davon entfernt, dieses vollständig auszufüllen. Vor allem die Begriffe Qi, Yin-Yang, Tao und der Zen-Buddhismus stellen einen unersetzlichen und einzigartigen Beitrag zum integralen System dar. Dazu kommen 3000 Jahre praktische Erfahrung mit natürlichen Heilsubstanzen aus der Mineral- Pflanzen- und Tierwelt (letzteres ist wegen des Artenschutzes nicht ganz unproblematisch) sowie die Möglichkeit, therapeutisches Handeln auf eine Verbindung von äußeren, inneren und körperlichen Faktoren zu stützen und dies in einem erprobten und ausgefeilten System zu tun. Damit kann dieses System dazu beitragen, die krankhafte Dissoziation zwischen den Wertsphären der westlichen Moderne zu überwinden und zu einem zukünftigen medizinischen System beizutragen, das sowohl die wesentlichen Inhalte des westlichen, wie auch des chinesischen Systems (und noch vieler anderer Systeme) zusammenführt, integriert, und doch in ihrer Einzigartigkeit wertschätzt und bewahrt.

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